Mehr als eine Anlaufstelle
Das «Contact» begleitet Menschen mit Suchterkrankungen im Alltag. Die Einrichtung bietet ihnen Unterstützung, Struktur und einen Platz, an dem sie willkommen sind.
Viele fahren täglich am «Contact» der Sozialen Dienste Mittelrheintal (SDM) in Heerbrugg vorbei, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt. Dabei ist die Einrichtung eine sehr wichtige Anlaufstelle für erwachsene Menschen mit Sucht-erkrankungen. Ziel ist es, ihnen einen sicheren und betreuten Aufenthaltsort sowie eine Struktur zu bieten. «Contact»-Bereichsleiterin Nicole Riedener ist studierte Sozialarbeiterin und gehört seit rund fünf Jahren zum Team. Zuvor war sie bereits in der Kontakt- und Anlaufstelle in St. Gallen im Suchtbereich tätig. Ihre drei Teammitglieder bringen unterschiedliche berufliche Erfahrungen mit, beispielsweise aus dem Rehabilitationszentrum, der Pädagogik und aus dem Pflege- und Gesundheitsbereich. Unterstützt wird das Team zeitweise ausserdem von einem Zivildienstleistenden. Die Geschichte des «Contact» reicht bis ins Jahr 1986 zurück. Damals wurde im Mittelrheintal die Jugendberatung und Gassenarbeit ausgebaut, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen besser zu erreichen und zu unterstützen. Daraus entwickelte sich mit der Zeit die heutige Kontakt- und Anlaufstelle. Seit 2001 ist das «Contact» ein eigenständiger Bereich der Sozialen Dienste Mittelrheintal (SDM). Besucher und Besucherinnen erhalten hier Beratung, Begleitung und Unterstützung. Im Zentrum stehen Schadensminderung, Gesundheitsförderung und soziale Stabilisierung. Das gassennahe Angebot umfasst von Montag bis Freitag unter anderem Beratung und Begleitung, Unterstützung bei administrativen Aufgaben und medizinische Erste Hilfe sowie einfache Wundpflege. Die Mitarbeitenden vermitteln bei Bedarf weiterführende Hilfsangebote wie Aufenthalte in Entzugskliniken oder Langzeittherapien. Zudem unterstützen sie Klienten und Klientinnen bei Herausforderungen aller Art und begleiten sie bei Bedarf zu Terminen, wenn sie diese nicht allein wahrnehmen können.
Kaffee, Mittagessen und ein offenes Ohr
Das «Contact» ist nicht nur Beratungsstelle, sondern auch ein Treffpunkt. Die Atmosphäre ist gemütlich, es gibt einen Billardtisch, einen Tschüttelikasten und eine Theke mit Kaffee und Sirup, an der sich die Gäste bedienen dürfen. «Bei uns ist vieles kostenlos», sagt Nicole Riedener. Das Büro des Contact-Teams befindet sich mitten in der Anlaufstelle und erlaubt jederzeit einen sehr niederschwelligen Zugang für die Gäste. Täglich wird im «Contact» ausserdem für rund 30 Personen frisch gekocht, dank der Zusammenarbeit mit der Schweizer Tafel. Lebensmittel können teilweise auch mitgenommen werden. Darüber hinaus stehen den Besuchern und Besucherinnen eine Dusche, eine Waschmaschine und Präventionsmaterialien zur Verfügung. Übernachtungsmöglichkeiten bietet das «Contact» keine. «Grundsätzlich gibt es in der Schweiz in jeder Hauptstadt eine sogenannte Kontakt- und Anlaufstelle», sagt Nicole Riedener. Dass es im Rheintal ebenfalls eine solche gibt, sei besonders wertvoll. Finanziert wird das «Contact» von den SDM beziehungsweise deren Trägergemeinden Balgach, Berneck, Diepoldsau und Widnau sowie der Gemeinde Au, die sich an den Kosten mit einer Leistungsvereinbarung beteiligt. Knapp die Hälfte der Klienten und Klientinnen kommt aus einer dieser fünf Gemeinden, die andere Hälfte aus weiteren Gemeinden, zum grossen Teil aus dem Rheintal. Insgesamt nutzen knapp 90 Suchtmittelkonsumierende das Angebot regelmässig. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Ein Leben mit der Sucht
Einer, der fast jeden Tag kommt, ist *Urs. Der Mitte-Fünfzigjährige lebt schon fast sein ganzes Leben lang mit einer Suchterkrankung. Mit 13 Jahren kam er das erste Mal in Kontakt mit Heroin. «Am Mittwochnachmittag gab es in Rorschach den «Regenbogen», eine Schülerdisko», erzählt er. Mit Gleichaltrigen habe er sich nie gut verstanden, aber dort seien auch Ältere gewesen, die teilweise schon in Wohngemeinschaften gelebt hätten. Durch die Drogen, die dort konsumiert wurden, sei er dann in die Szene hineingerutscht. Trotz Widrigkeiten schloss er die Sekundarschule und auch eine Lehre als Maschinenmechaniker ab. Lange habe er in diesem Beruf aufgrund seiner Abhängigkeit nicht arbeiten können, im Alter von 25 Jahren kam er dann über seinen Onkel ins Rheintal. Zu diesem Zeitpunkt sei er aufgrund seines Drogenkonsums körperlich schon sehr angeschlagen gewesen. «Ich habe dreissig Jahre lang gefixt», sagt Urs, das hinterlasse seine Spuren. Später verlagerte sich seine Sucht auf Kokain. Seit 2016 konsumiere er nur noch sporadisch etwas. Auch die Drogenszene hat sich über die Jahre verändert.
Kokain verändert die Drogenszene
Früher war Kokain vor allem eine Luxusdroge. Das hat sich allerdings stark verändert, und die Schweiz wird mit «billigem Stoff» geflutet, wie das Schweizer Fernsehen kürzlich berichtete. Sowohl Nicole Riedener als auch Urs berichten von einer starken Zunahme von Kokain sowie Crack und Freebase in der Region. Für die Anlaufstelle hat das spürbare Folgen. Heroin wirke vergleichsweise lange, erklärt Nicole Riedener. Kokain hingegen nur kurz, aber teils sehr heftig. Danach beginne die Suche nach dem nächsten Konsum erneut. Suchtkranke seien damit permanentem «Beschaffungsstress» ausgesetzt. Die Stimmung unter Konsumierenden sei dadurch nervöser und teilweise aggressiver geworden.
«Contact»-Bereichsleiterin Nicole Riedener gehört seit rund fünf Jahren zum Team.
Gleichzeitig betont sie, dass Eskalationen im «Contact» nicht zum Alltag gehörten. Das Team kenne die meisten Besucherinnen und Besucher seit Jahren und merke häufig früh, wenn jemand psychisch oder physisch angeschlagen sei und Hilfe benötige.
Prävention und Schadensminderung
«Ein wichtiger Auftrag von uns ist die Prävention und die Schadensminderung», sagt Nicole Riedener. Deshalb werden sterile Spritzen und Crackpfeifen kostenlos und bedarfsgerecht abgegeben. Das Material wird vom Kanton St. Gallen zur Verfügung gestellt. Ein «Safe-Box-Automat» steht auch bei der SDM-Geschäftsstelle in Heerbrugg rund um die Uhr zur Verfügung. Doch Schadensminderung ist nur ein Teil der Begleitung. Viele Menschen mit einer Suchterkrankung haben bereits mehrere Versuche hinter sich, von den Suchtmitteln loszukommen. Das zeigt sich auch bei Urs. Mit Anfang 20 war er bereits dreimal Patient in der Psychiatrie, ein weiteres Mal mit 30 und zuletzt 2016. Seither ist er Patient der Tagesklinik. Das «Contact» ist für Urs zu einer Art Familie geworden. Er packt vor Ort gerne selbst mit an, etwa in der Küche beim Gemüseschneiden. Für ihn ist es wichtig, einen geregelten Tagesablauf zu haben. So wie ihm ergeht es vielen, die in die Kontakt- und Anlaufstelle kommen. «Das ist der einzige Ort, wo man sich freut, wenn ich komme», sagt Urs. Hier müsse er seine Geschichte nicht erst erklären und könne Menschen treffen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Im öffentlichen Raum sei das anders. «Du kannst dich mit den Leuten, die du hier triffst, nicht einfach im Restaurant verabreden», sagt er. Was sich Urs von Menschen wünscht, die diesen Artikel lesen? Vor allem weniger Vorurteile und Verständnis. Suchtkranke würden häufig als ungepflegt, kriminell oder selbst schuld an ihrer Situation wahrgenommen. Dabei hätten viele Betroffene ohnehin mit starken Schamgefühlen zu kämpfen – gegenüber der Familie, Ämtern und sich selbst. Für Nicole Riedener ist vor allem wichtig, dass verstanden wird, dass Sucht eine Erkrankung ist und nichts, was man sich selbst aussucht.
*Name von der Redaktion geändert.
Weitere Informationen gibt es unter www.s-d-m.ch/contact
Redaktorin: Julia Benz

